Teil 5:
Die Nachkriegszeit

Das Kriegsende brachte naturgemäß auch für viele Solinger Unternehmen eine drastische Schicksalswende. Den verheerenden Bombardierungen der Stadt vom 4. und 5. November 1944 fielen nicht nur 1.700 Menschenleben* zum Opfer, sondern auch große Teile der Klingenindustrie.

Der damalige Firmensitz an der Mangenberger Straße scheint von den Zerstörungen nicht betroffen gewesen zu sein, da das Haus heute noch immer steht. Da aber die meisten der bislang bekannten Rasiermesser des Familienunternehmens aus der Vorkriegszeit stammen, scheint Willy Broch die Firma nach dem Tod seines Vaters zwar offiziell weitergeführt, sich aber in erster Linie anderen Projekten gewidmet zu haben. Die Tatsache, dass die Trockenrasur nach dem zweiten Weltkrieg auch für die breite Masse erschwinglich wurde und das klassische Rasiermesser nach und nach aus der Mode geriet, untermauert diese Annahme. Und auch in den Solinger Adressbüchern der Nachkriegszeit taucht das Unternehmen nicht mehr unter der Rubrik „Rasiermesser“, sondern unter „Schneidwaren“ auf. 

Die Neuausrichtung der Nachkriegszeit

Bislang sind nur eine Handvoll real existierende Objekte bekannt, die der Nachkriegsarbeit von Willy Broch zugeordnet werden können. Es handelt sich zum Einen um eine Haarschere, die ich im September 2017 ersteigern konnte. Obwohl die Schere stark abgegriffen ist, lassen sich noch Rückstände einer Kunststoffbeschichtung auf den Scherenschenkeln und -augen erkennen, die ein Schildpatt-ähnliches Muster aufweisen. Hier ist der Bezug zu den Rasiermessern von Emil Broch offensichtlich. Auf dem Scheren-Schild ist die Gravur „Kain-Abel Regd. Solingen“ zu lesen. Willy Broch benutzte also den registrierten Markennamen zumindest eine Zeitlang weiter. Wie viele Scheren Willy Broch in der Nachkriegszeit unter dem bekanntesten Markennamen seines Vaters fertigte (bzw. fertigen ließ?), ist nicht bekannt. Da die in meinem Besitz befindliche Schere aber das einzige derartige Objekt darstellt, das ich in den Jahren meiner Recherche finden konnte, lässt sich eher auf eine kleine Produktionszahl schließen.

Ein weiteres offensichtliches Nachkriegsobjekt ist ein kürzlich von mir im Internet gesichtetes Kain-Abel Rasiermesser, das einer sichtbar anderen Epoche entstammt als alle anderen Exemplare. Das Messer mit Kunststoffgriff ist so konzipiert, dass es im eingeklappten Zustand zum zusätzlichen Schutz in eine ebenfalls aus Kunststoff gefertigte Einschubhülle eingeführt und darin fest verschlossen werden kann. Auf der schwarzen Einschubhülle steht in weißen Lettern „Kain + Abel Extra Hollow Ground“. Der ebenfalls schwarze Griff trägt keinerlei Aufschrift und ist am verdickten Ende (welches im eingeschobenen Zustand aus der Einschubhülle herausragt) lediglich mit zwei weißen bzw. elfenbeinfarbigen Querstreifen versehen. Auf der Rundkopf-Klinge sind ebenfalls die Worte „Kain + Abel Hollow Ground“ aufgedruckt oder -geätzt. Aufgrund der deutlich abweichenden Bauart habe ich auch dieses Rasiermesser Willy Broch’s Nachkriegsarbeit zugeschrieben.**

Als (vermutliches) drittes bekanntes Nachkriegsobjekt soll hier ein kürzlich gesichtetes Wochen-Rasiermesserset angeführt werden. Die Bauart dieser sieben Messer ist zwar vergleichbar mit den von Emil Broch gefertigten Exemplaren, weicht aber auch sichtlich von ihnen ab, weil an beiden Enden des Griffes Metallintarsien angebracht sind und die Klinge für Broch`sche Verhältnisse eher unüblich gestaltet ist. Der Griff ist aus perlmuttfarbenem Zelluloid gefertigt und wird durch die Aufschrift SOLINGEN geziert, seine beiden Endintarsien sind farblich unterlegt. Bei der kürzlich gesichteten Sonntags-Variante des Sets ist diese Farbe Grün, aber ein weiteres, leider sehr schlecht aufgelöstes Foto, das ich bereits vor Jahren entdeckt habe, zeigt gleich zwei Messer dieses Sets, von denen eines auch eine rote Einlegearbeit ziert. Die Klinge ist farblich (Sonntag: rot) geätzt mit einem Ornament und dem Schriftzug SOLINGEN, flankiert von zwei Wappen – das der Messermachergilde und eines mit der Abbildung eines Schmieds. Der Klingenrücken ist ebenfalls ornamentiert und trägt die Gravur SUNDAY (bei den sechs anderen Exemplaren natürlich die englischen Bezeichnungen der anderen Wochentage). Auf dem Erl schließlich steht Kain-Abel Red. Solingen.***

Ein weiterer Nachweis für die Neuausrichtung des Unternehmens ist ein Patent für eine von ihm entwickelte, neuartige Vielzweckschere, das Willy Broch am 24. April 1956 beim Deutschen Patentamt beantragte. Bemerkenswerter Weise beantragte Broch keine zwei Monate später das Patent für diese Schere auch beim United States Patent Office, wobei er die Schutzrechte dort jedoch direkt abtrat an die Firma H. A. Pohle Co., Inc. in West Warwick, Rhode Island.****

Das Patent wurde in Deutschland am 2. August 1956 und in den USA am 21. Mai 1957 eingetragen. Ob diese Schere jemals tatsächlich produziert wurde, ist jedoch nicht bekannt, zumal auch die Firma Pohle in Rhode Island mittlerweile nicht mehr zu existieren scheint.*****

Das Unternehmens-Ende

Das Unternehmen wird letztmalig im Solinger Adressbuch von 1961 genannt. Danach scheint sich Willy Broch endgültig aus dem Schneidwarengeschäft zurückgezogen zu haben, womit die Firma vor dem Aus stand. Willy Broch starb am 31. August 1979.

Abschließend lässt sich festhalten, dass die Rasiermesserfabrik von Emil und Willy Broch ihre große Blütezeit in der Zwischenkriegszeit hatte. Anders ausgedrückt, verdankt das Unternehmen – sicherlich nicht als einzige Solinger Firma – ihren Aufstieg dem Ersten, und ihren Niedergang dem Zweiten Weltkrieg.


* Nach dem aktuellen Stand meiner Recherche ist es möglich, dass auch Emils Zwillingsschwester Selma bei den Bombardierungen ihr Leben verlor. Der Zeitraum ihres Todes legt diese Vermutung zumindest nahe.

** Bei meiner weiteren Recherche stieß ich auf ein nahezu identisches Rasiermesser der Marke REGILO, das gleich in zwei unterschiedlichen Ausführungen existiert – weiß und schwarz. Ich gehe daher davon aus, dass der Hersteller der Regilo-Messer von Willy Broch mit der Fertigung dieses Kain-Abel-Exemplars beauftragt wurde. Nach langer Suche fand ich schließlich heraus, dass die damals in Solingen-Wald ansässige Firma Grah und Ohliger der Hersteller der Regilo-Rasiermesser war – und damit unter Umständen auch das o.g. Rasiermesser für Willy Broch fertigte.

*** Auch hier recherchierte ich weiter und fand in einer alten Auktion einen Wochen-Rasiermessersatz des Solinger Herstellers Dovo, dessen Endintarsien-Form nahezu identisch ist mit der auf der Kain-Abel-Version, nur dass diese Intarsie ergänzt wird durch einen Kreis mit dem kleinen Dovo-Männchen. An dieser Stelle ist beim Kain-Abel Exemplar eine Krone zu sehen. Das noch heute existierende und Rasiermesser produzierende Unternehmen Dovo konnte mir zwar nicht konkret bestätigen, dass sie diesen Rasiermessersatz für Willy Broch hergestellt hatten, ich halte diese Annahme aber zumindest für plausibel. Ein weiterer möglicher Hersteller dieser Wochen-Rasiermesser könnte das Unternehmen Carl Friedrich Ern gewesen sein, das bei seinen Crown & Sword Rasiermessern ebenfalls die o.g. End-Intarsie mit Krone benutzte. Aber endgültig wird der Ursprung der Nachkriegsarbeiten von Willy Broch vermutlich nie geklärt werden können.

**** Wann Broch mit der Firma Pohle in Kontakt trat, ist unbekannt. Ich fand jedoch folgendes heraus:
Laut US-amerikanischen Einwanderungspapieren reiste am 30. September 1936 ein Mann namens Willy Broch auf der SS New York von Hamburg nach New York. Mehrere Angaben in dem Papier legen nahe, dass es sich um unseren Willy Broch handelte:
1.) Als Beruf ist Kaufmann angegeben.
2.) Das angegebene Alter von 32 passt zwar nicht exakt, aber zumindest fast zu Willys Geburtsdatum, dem 1. Dezember 1904. Es ist möglich, dass in den Einreisepapieren das Alter der Passagiere gerundet wurde.
3.) Als Geburtsort ist Höhscheid angegeben (vor der Solinger Eingemeindung), und als letzter bekannter Wohnort Solingen. Auch diese beiden Angaben passen genau.
Aus diesem Grund nehme ich an, dass Willy Broch ab 1936 Kontakte und Absatzquellen in den USA suchte. Dass er hier bereits Kontakt zur Firma Pohle in Rhode Island knüpfte, ist zumindest denkbar.
Wie lang Willy Broch in Amerika blieb, ist ebenfalls unbekannt. Die Passagierliste umfasst jedoch nur „non immigrant passengers“, also keine Immigranten. Daher handelte es sich hier wohl lediglich um eine Geschäftsreise, die nicht von allzu langer Dauer war.

***** Ich konnte bisher in der Tat keinerlei Informationen über die Firma H.A. Pohle Co., Inc. aus West Warwick beschaffen. Daher kann ich hier nur folgendes mutmaßen:
Laut den amerikanischen Volkszählungen von 1935 und 1940 lebte im benachbarten Warwick ein deutscher Ingenieur namens Hans A. Pohle. Er war gemeinsam mit seiner Frau und seinem Vater im Juli 1931 – also kurz vor der Machtergreifung Hitlers – von Berlin nach Rhode Island emigriert. (Womöglich scheint sein Nachname hierfür ein Grund gewesen zu sein.) Er war zunächst in der Gasversorgung tätig und scheint hier auch schnell recht erfolgreich gewesen zu sein, denn ein Artikel von ihm erschien bereits 1932 in einer Zeitschrift der American Gas Association. Der Namensgleichheit und der unmittelbaren Nachbarschaft nach zu urteilen, könnte er der Gründer des oben genannten Unternehmens gewesen sein. Dies ist aber, wie bereits erwähnt, nur eine Vermutung.